The Awra Amba Experience – Interaktive Dokumentation [Interview]

Anfang April war The Awra Amba Experience das Crowdfunding-Projekt der Woche auf meinem Social Media und Crowdfunding-Blog. Unter anderem weil ich Pati Keilwerth, im Team u.a. zuständig für den Project Outreach, seit ein paar Jahren kenne und wir uns bei diversen Gelegenheiten immer wieder mal treffen. Beim Cross Media Net Lab in Leipzig vor drei Jahren hat sie mir auch Paulina Tervo, die Regisseurin, vorgestellt und sie haben mir damals von ihrem spannenden Projekt-Vorhaben erzählt. Gerade weil es im deutschsprachigen Raum noch kaum anspruchsvolle cross- bzw. transmediale Projekte gibt, freut es mich umso mehr, dass dieses Projekt weiter wächst. Aus diesem Grund habe ich Pati zu einem Gespräch gebeten.

Awra Amba

Wolfgang: Euer Projekt heißt “The Awra Amba Experience“. Worum geht es?

Pati: Es geht bei THE AWRA AMBA EXPERIENCE um das Dorf AWRA AMBA in Äthiopien, das vor 40 Jahren von einigen Äthiopiern gegründet wurde, die lieber in einer Gesellschaft leben wollten, wo Männer und Frauen gleichberechtigt sind und wo Religion keine Rolle spielt. Sie haben gegen viele Widerstände und ohne jegliche Hilfe ihr Utopia Realiät werden lassen. Entwicklungshilfe lehnen sie ab. Sie haben alles aus eigener Kraft geschaffen. Obwohl die Gründer weder lesen noch schreiben konnten haben sie es geschafft ihr Dorf soweit zu entwickeln, dass die meisten Kinder dort zur Universität gehen. Es gibt dort inzwischen auch eine Highschool, die einen großen Einzugsbereich über das Dorf hinaus hat. Sie erwirtschaften ihr Geld über den Verkauf von handgewebten Stoffen. Jeder zahlt in die Gemeinschaft ein und das Geld wird in Bildung, Altenpflege und Gemeinschaftsprojekte investiert. Es gibt einen Charity-Day an welchem alle Einnahmen, die an diesem Tag erwirtschaftet werden, an Leute gehen, die Hilfe brauchen. Mittlerweile haben sich einige Satelliten -Dörfer nach dem Vorbild von AWRA AMBA gegründet und sie werden von den Dorfbewohnern von Awra Amba beraten. Im Prinzip geht es bei THE AWRA AMBA EXPERIENCE darum, was eine gut funktionierende friedliche Gemeinschaft im kleinen ausmacht und welche Mechanismen es da gibt. Mit der interaktiven Dokumentation, die mit den Leuten von Awra Amba entwickelt wurde, wollen wir zeigen, wie Themen wie Gleichberechtigung, Bildung, Familienplanung, Gesundheitsvorsorge, Religion etc. dort gelebt werden.

Wolfgang: Was genau bedeutet “Interaktive Dokumentation”?

Pati: Im Fall von THE AWRA AMBA EXPERIENCE heißt interaktive Dokumentation, dass man in 360°-Panoramas das Dorf erkunden kann und die verschiedenen Dorfbewohner in ihren Hüten besucht. Dort gibt es Filme zu bestimmten Themen und Interviews mit den Dorfbewohnern sowie weitere Informationen und man kann dazu Kommentare schreiben oder Fragen stellen. Die Fragen leiten wir dann an das Dorf zur Beantwortung weiter. Jedes Thema und jede Hütte ist mit einer Farbe verknüpft. Je mehr zu dem Thema kommentiert und gefragt wird, desto größer wächst der Farbalken. Am Ende hat man einen interaktiv gewebten Schal, der dann auch so im Awra Amba nachgewebt wird und fairtrade vom Dorf direkt verkauft werden kann.

Wolfgang: Das bedeutet also, dass es kein klassischer Dokumentarfilm ist und die Inhalte über’s Web konsumiert werden?

Pati: Ja, genau. Über Web und Mobile (Tablets), können die Inhalte angeschaut und kommentiert werden und es können im Aktionszeitraum auch Fragen direkt an die Bewohner von Awra Amba gestellt werden. Für die Aktion über 10 Wochen sind wir gerade mit verschiedenen Online-Zeitungen im Gespräch und wir wollen auch eine extra App für Schulen produzieren.

Wolfgang: Die Menschen vor Ort sind also durchaus Technik-versiert? Oder wie kann man sich die Informationsweitergabe vorstellen?

Pati: Die Bewohner von Awra Amba haben dort einen Computer mit Internet-Anbindung und können E-Mails schreiben und beantworten. Allerdings ist die Internetanbindung nicht immer stabil und etwas langsam. Aber wir können die Fragen sammeln und von den Dorfbewohnern beantworten lassen. Wir würden das im Aktionszeitraum einmal wöchentlich zum jeweiligen Thema machen.

Wolfgang: Wie finanziert man so ein Projekt?

Pati: Wir haben uns bei verschiedenen Förderungen und Stiftungen beworben und letztlich haben wir nur Gelder von dem Fledgling Fund für Social Outreach Campaigning und von der finnischen Filmförderung bekommen, weil Paulina Finnin ist. Bei Tribeca Multimedia Fund und der europäischen Förderung MEDIA waren wir bisher nicht erfolgreich, aber wir werden es weiter versuchen. Die bisherige Förderung war aber leider nicht ausreichend für die Finanzierung des Projekts. Letztlich haben wir die letzten Jahre alle ohne Bezahlung für das Projekt gearbeitet und alles Geld in die Leihe von Equipment und die Reisen nach Äthiopien und zu Pitches verwendet, sowie für den Druck von Promotion-Material. Jetzt machen wir eine Crowdfunding-Kampagne, um die App fertigstellen zu können. Man kann also aktuell auf Indiegogo zur Verwirklichung von THE AWRA AMBA EXPERIENCE einen Beitrag leisten und exklusiv das E-Book, das Filmpaket, wunderschöne handgewebte Schals, Decken und vieles mehr aus Awra Amba bekommen.

Wolfgang: Welche Rolle spielen Soziale Medien dabei?

Pati: Die sozialen Medien spielen für uns eine große Rolle, weil wir darüber mit den Fans unseres Projekts kommunizieren und das Projekt darüber bekannter machen wollen. Wir nutzen Facebook und Twitter sowie Pinterest dafür. Allerdings muss ich sagen, dass die klassiche PR und Publikation in Zeitungen, im Radio etc. um einiges effektiver ist, das Projekt bekannt zu machen. Wir wurden in den letzten Wochen mit einem exklusiven Film in The Guardian gefeatured und hatten ein Radio-Interview mit der Deutschen Welle. Die Leute teilen das dann auch eher, wenn da “the guardian” der Absender ist. Für die weitere Information von Interessierten verwenden wir dann E-Mail und Social Media.

Wolfgang: Wie soll es nun weitergehen mit dem Projekt?

Pati: Wir werden über Crowdfunding, weitere Förderungen und Sponsoren und Partner versuchen, die weitere Produktion der App THE AWRA AMBA EXPERIENCE fertigzustellen, diese in mehrere Sprachen übersetzen und auch Apps für den Schulunterricht machen, sofern wir das finanziert kriegen. Es geht dabei um den Austausch darüber, was eine gerechtere, selbstbestimmte und  nachhaltige Gemeinschaft ausmacht. Vor allem in anderen ärmeren Gegenden kann Awra Amba ein gute Inspiration sein, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. In Afrika haben sich, wie schon erwähnt, einige Satelliten-Dörfer nach dem Vorbild von Awra Amba gegründet. Aber auch in unserer privilegierten reichen Gesellschaft können wir einiges von Awra Amba in Sachen Gemeinschaft und Nachhaltigkeit lernen. Die 10-Wöchige Aktionskampagne wollen wir mit Medienpartnern online umsetzen, um den Diskurs bestmöglich zu begleiten. Im Dezember wollen wir die interaktive Dokumentation in einem Premieren-Event im Kino zeigen. Wir planen die Premiere in London und in Berlin und möchten dazu auch gern eine Delegation aus Awra Amba einladen, damit diese sich direkt mit dem Publikum austauschen kann.

Wolfgang: Vielen Dank für das Gespräch, ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg!

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