Gewaltlose Rebellion auf der Leinwand und im Internet [Interview]

Ich habe Arash T. Riahi und seinen Bruder Arman Riahi vor einigen Jahren kennengelernt und mich ein paar Mal mit ihnen in ihrer Wiener Produktionsfirma Golden Girls getroffen, um über Film, Cross Media und Social Media zu diskutieren. Unter anderem haben wir damals mit der „Schwarzkopf Check-In Challenge“ ein kleines Experiment gewagt. Mittlerweile zählen die beiden Filmemacher zu den bedeutendsten Köpfen des zeitgenössischen, österreichischen Films und ihr letztes Projekt „Everyday Rebellion“ wurde auf zahlreichen Festivals gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet. Anlässlich ihrer Crowdfunding-Kampagne zu diesem Cross-Media-Projekt habe ich Arman und Arash interviewt:

everyday rebellion

Wolfgang: Mit Everyday Rebellion habt ihr als Produktionsfirma ja mehr als nur einen Film geschaffen. Erzählt uns doch von der Idee hinter dem Projekt.

Die Riahi Brüder: Begonnen hat alles mit der Wiederwahl des iranischen Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadinejad. Nach offensichtlichen Wahlmanipulationen sind damals Millionen Iraner, die meisten davon jünger als wir, auf die Straßen gegangen und haben friedlich für ihre Rechte demonstriert – mit fatalem Ausgang. Denn wie wir wissen, hat das iranische Regime die Proteste blutig niedergeschlagen und unterdrückt. Und wir mussten ohnmächtig zusehen. Oder doch nicht?

Gegen dieses Gefühl der Ohnmacht wollten wir etwas tun, wir wollten helfen, unseren Beitrag zu den friedlichen pro-demokratischen Revolutionsbewegungen leisten. Wir begannen das Projekt mit Fokus auf den Iran, doch rasch holte uns die Geschichte ein. Stichwort: Arabischer Frühling, Indignados, Occupy. Dann erkannten wir Muster und was am Wichtigsten war, die Gewaltlosigkeit als kleinsten gemeinsamen Nenner vieler Bewegungen.

Darauf bauten wir schließlich das Projekt. Und da uns als Filmemacher die Einschränkungen des Mediums sehr bewusst sind, entwickelten wir parallel zum Film auch die Web-Plattform everydayrebellion.net, um den friedlichen Aktivisten und gewaltlosen Bewegungen einen Raum des Austausches, der Inspiration und Motivation anbieten zu können. Mit der Website können wir aktuell bleiben und die Narration des gewaltlosen Aktivismus ins Netz und über die gewohnten Inhalte hinaus expandieren. Mit Erfolg wie wir jetzt glücklicherweise sagen können, da die Website bisher mehrere internationale Preise gewonnen hat wie den Civis Medienpreis oder den BEN der B3 Biennale für das beste Transmedia-Projekt.

Wolfgang: Der Film ist ja mittlerweile auch auf Festivals und in den Kinos gelaufen. Wie waren die Reaktionen?

Die Riahi Brüder: Everyday Rebellion war letztes Jahr der österreichische Film mit den meisten Festivaleinladungen. Er ist mittlerweile auf über 50 Festivals gelaufen und natürlich haben wir uns auch über die 9 Preise, die das Projekt bekommen hat, gefreut. Aber am meisten hat uns berührt, dass das Projekt zu einem wichtigen Tool weltweiter Protestbewegungen geworden ist. Syrische Aktivistinnen haben über 20 Videotips auf Arabisch untertitelt und verwenden die Videos im Untergrund zu Unterrichtszwecken. Der Film wurde auch mehrmals in der Ukraine und auch in der Türkei, den Gezi-AktivistInnen gezeigt.

Vor ein Paar Wochen wurden wir über Facebook von den AktivistInnen der Umbrella Proteste in Hong Kong kontaktiert. Sie haben den gesamten Film selbst auch Chinesisch untertitelt und zeigten ihn regelmäßig Open Air auf den öffentlichen Protestschauplätzen. Der Augenblick, als wir die Fotos dieser Veranstaltungen gesehen haben, war für uns eines der bewegendsten Momente. Was uns aber auch sehr motiviert hat, war die Tatsache, dass es bei vielen Vorführungen sehr viele Menschen gibt, die nach der Vorstellung aufstehen und verkünden, dass auch sie aktiv werden wollen.

Wolfgang: Ihr habt vorhin eine Web-Plattform erwähnt. Was passiert dort?

Die Riahi Brüder: Die Platform ist eigentlich das Herzstück des Projektes. Ein ständig umfangreicher werdender, virtueller Ort, auf dem wir Protest-Tipps, Video-Anleitungen, Methoden des zivilen Ungehorsams sowie Manifeste und Bücher in unterschiedlichen Sprachen verbreiten.

Wolfgang: Für diese Crossmedia-Seite habt ihr vor Kurzem eine Kickstarter-Kampagne gestartet. Warum?

Die Riahi Brüder: Wir haben vor 2 Jahren ein paar kleinere Förderungen für den Aufbau der Onlineplattform bekommen. Das Geld wurde hauptsächlich für die Programmierung der recht komplexen Webseite, der Aufbereitung der ersten Inhalte und der Programmierung der neuen App verwendet. Nun geht es aber darum, neue Inhalte aufzuarbeiten, aktuelle Protestbewegungen und ihre Taktiken zu verbreiten und aus dem großen Pool an Videomaterial, das wir über die Jahre gesammelt und gedreht haben, neue Protestanleitungen zu schneiden. Außerdem möchten wir natürlich die Inhalte möglichst in viele Sprachen übersetzen.

Wolfgang: Über 700 Leute haben mitgeholfen, euer Funding-Ziel zu erreichen. Was hat sie angetrieben?

Die Riahi Brüder: Ich glaube die Unzufriedenheit mit einer gewalttätigen und aggressiven Atmosphäre und der Wunsch etwas dagegen zu machen. Sehr viele Menschen haben auch geschätzt, dass wir die Platform weiter betreiben wollen und uns das Thema scheinbar persönlich auch wichtig ist. Die Menschen haben uns dadurch auch vertraut, denn sie haben gesehen, dass das Ganze nicht einfach ein Promotionstool für einen Film war und dann fallen gelassen worden ist, als der Film draußen war. Wir werden die Plattform so lange wie möglich weiter betreiben.

Wolfgang: Everyday Rebellion entwickelt sich ja quasi zu einem Langzeit-Projekt. Wie geht’s jetzt weiter?

Die Riahi Brüder: Derzeit arbeiten wir schon am nächsten Riahi Brothers Dokumentarfilm, in dem es um Kinder aus schwierigen Verhältnissen geht, die durch kreative Projekte lernen über sich hinaus zu wachsen. Der Arbeitstitel ist „Vorlaut“. Arman schreibt auch gerade an seinem ersten Spielfilm, eine Komödie mit dem Titel „Die Migrantigen“ und ich an meinem zweiten Spielfilm „Oskar und Lili“. Und dann gibt es auch noch 2-3 andere Spielfilmprojekte an denen wir parallel schreiben. Aber wir denken auch an einen zweiten Teil von Everyday Rebellion, der sich dann mit der Zeit nach der Revolution beschäftigen wird.

Wolfgang: Es scheint, als ruht ihr nie. Ich finde das gut. Danke dafür und danke für das Gespräch!



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