DOK & CROWD: Dokumentarfilme finanzieren und verwerten

Paul Rieth’s DOK & CROWD ist im UVK-Verlag erschienen.

Paul Rieth arbeitet als Selbstständiger an der Schnittstelle von Film und Neuen Medien und leistet mit DOK & CROWD einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit und der Etablierung von digitalen Ansätzen im Filmbereich. In seinem Buch spannt er den Bogen von den klassischen Finanzierungs- und Verwertungsmodellen bis hin zu neuen Kommunikationsmechanismen und der Einbindung der Crowd in den Film-Entstehungsprozess. Welche Vorteile sich dadurch ergeben und welche Schwierigkeiten und Herausforderungen es dabei immer noch zu bedenken gibt, beschreibt er in DOK & CROWD. Im Interview fasst er das Thema für uns kurz zusammen:

Wolfgang: Du hast mit “Dok & Crowd” ein Buch zum Thema „Dokumentarfilme finanzieren und verwerten“ geschrieben und fokussierst dabei vor allem auf digitale Aspekte. Warum?

Paul: Ich beschäftige mich schon sehr lange mit der Filmbranche und da besonders mit dem Genre Dokumentarfilm. Leider musste ich feststellen, dass es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bisher keine Veröffentlichung gab, die einen fundierten Einstieg in das Thema Dokumentarfilmproduktion liefert. Das habe ich als Grund genommen, dies zu tun. Aber mich dabei nicht auf Filmförderung, Fernsehen, Kino & DVD-Markt zu beschränken, sondern auch die neuen, digitalen Wege der Finanzierung, Vermarktung und Verwertung von Dokumentarfilmen mit zu berücksichtigen. Denn diese neuen Möglichkeiten bieten vor allem für dieses Genre weitreichende Chancen.

Wolfgang: Welche Chancen sprichst du da konkret an?

Paul: Die Filmfinanzierung geschieht in Deutschland bislang maßgeblich über das Fernsehen, sowie die Fördereinrichtungen. Mit Crowdfunding bzw. Crowdinvesting kommt jetzt eine Finanzierungsform dazu, die nach ganz anderen Kriterien funktioniert und damit für die Filmbranche sehr interessant ist. Auf dem Verwertungsweg wird Video-on-demand für den Vertrieb immer wichtiger und ermöglicht dem Rechteinhaber Umsätze zu generieren, auch ohne einen Verleih bzw. Vertrieb, parallel zum Fernsehen und Kino. Für den Dokumentarfilm ergeben sich da besondere Möglichkeiten, weil bei Stoffentwicklung, Recherche und Dreh in der Regel wichtige Kontakte entstehen zu Experten, Institutionen, Verbänden, Multiplikatoren, die für Crowdfunding als auch VoD wichtige Kommunikationskanäle bieten können, um das Projekt weitreichend bekannt zu machen.

Wolfgang: Lassen sich diese digitalen Möglichkeiten mit der “alten” Welt kombinieren?

Paul: Das ist ein ganz spannender Punkt, da es in Deutschland ohne das weitreichende Engagement von Fernsehen und Filmförderung keine funktionierende Filmwirtschaft gäbe, ganz im Gegensatz zu den USA. Man müsste also die Expertise der hiesigen Förderungslandschaft und das wirtschaftliche Potenzial der Crowd kombinieren. Wie so etwas konkret aussehen kann, zeigen die Modelle der so genannten “matching funds”. Dort koppelt man die öffentlichen Fördergelder an das Engagement der Crowd: Käme ein Produzent mit einem Filmprojekt, könnte er die Förderentscheidung durch eine erfolgreiche Kampagne im Bereich Crowdfunding (Budget), Crowdsourcing (Arbeitsprozesse durch die Crowd übernehmen lassen) und Marketing (die Crowd weiß schon im frühen Stadium vom Projekt und ist bereit Kinotickets, VoD-Downloads und DVDs vor der Fertigstellung zu kaufen) maßgeblich beeinflussen. Damit käme es zu einer Win-Win-Situation, da sich der Filmemacher aktiv um den Aufbau der Crowd schon vor Projektstart kümmert und die Filmförderung bzw. das Fernsehen einen wichtigen Indikator geliefert bekäme, dass das Thema bzw. Projekt in der Öffentlichkeit auf Interesse stößt.

Wolfgang: Konkret bedeutet das also, dass Filmemacher immer mehr auch zu Vermarktern bzw. Kommunikatoren werden müssen?

Paul: Genau, ich denke dass Kommunikation und Marketing immer wichtiger werden, vor allem in der Filmbranche. Der Kommunikationsprozess muss nämlich umgedreht werden. Schon bei Projektstart muss die Crowd aufgebaut werden und im Zuge des gesamten Produktionsprozesses auf dem Laufenden gehalten werden. Somit schafft man eine intensive Bindung zum Projekt und kann an unterschiedlichen Punkten auf die Ressourcen der Crowd zurückgreifen, sei es monetär, mit Kontakten oder sonstigen Aufgaben. Leider passiert dies hierzulande bisher viel zu selten, was auch daran liegt, dass im Produktionsbudget häufig kein Posten für Kommunikation ist, besonders nicht beim Dokumentarfilm.

Wolfgang: Mit Crowdfunding würde man also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Paul: Ganz klar! Crowdfunding ist am Ende eine Form des Marketings die neben dem Budget auch wichtige Kommunikation für ein Projekt schafft. Das ist interessant für Presse/PR, für die (potenziellen) Fans und natürlich auch für die Förderanstalten, die sehen, dass der Antragsteller da eine Community hat, mit der er arbeitet. Am Ende sind dies die Käufer der Kino-Karten bzw. VoD-Streamer.

Wolfgang: Welche Beispiele aus dem D-A-CH-Raum bzw. aus Europa sind hier zu nennen?

Paul: Interessant in diesem Zusammenhang ist das Dokumentarfilmprojekt “Am Borsigplatz gebroen – Franz Jacobi und die Wiege des BVB”. Nicht nur, dass sie über Startnext knapp 218.000 Euro mithilfe von 2.975 Unterstützern eingesammelt haben, sondern auch die Art wie sie mit ihrer Crowd kommuniziert haben, finde ich sehr spannend. Es gab vielfältige Online- und Offline-Aktivitäten des sehr Social-Media-affinen Teams wie beispielsweise Soli-Konzerte, Sammelaktionen vor der Südtribüne & Testimonials innerhalb der Fussballmannschaft. Ein anderes Projekt ist “Algo mío – Argentiniens geraubte Kinder”, ein Dokumentarfilm von zwei jungen Regisseurinnen, die es nach der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne geschafft haben, Post-Produktions-Förderung der Filmstiftung NRW zu erhalten. Im Prinzip kam es hier also zu einem Mix aus Crowdfunding und Filmförderung, auch wenn beide Finanzierungsformen getrennt voneinander stattfinden. Deshalb sind ja die matching-Modelle so spannend: Das Algo-Mio Team hat bewiesen dass ihre Crowd bereit ist 12.435 Euro für das Projekt zu geben. Das ist doch ein Indikator, mit dem man arbeiten kann.

Wolfgang: Welche Voraussetzungen müssten denn geschaffen werden, damit sich solche Erfolge wiederholen lassen?

Paul: Wenn ich Projekte im Bereich Crowdfunding berate, analysiere ich immer zuerst ganz intensiv das Netzwerk und dessen Potenzial. Wenn es da schon interessante, reichweitenstarke Kontakte gibt, kann die Planung schnell weitergehen. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss daran erstmal gearbeitet werden. Anschließend geht es darum mit einem gekonnten Mix aus Kreativität und Professionalität eine Kampagne (inkl. Video, Texten und Rewards) zu schaffen, die für die Crowd interessant und unterhaltend ist. Wenn dazu dann noch eine gut geplante Kommunikation durch ein ideenreiches und motiviertes Team kommt, sieht es für einen Kampagnenerfolg ganz gut aus.

Wolfgang: Was wünscht du dir für die Zukunft des Dokumentarfilms (in Deutschland)?

Paul: Ich wünsche mir, dass dieses Genre noch stärker sein Potenzial im Internet ausnutzt. Also alle Wege nutzt, die Crowd wie bspw. Protagonisten, Experten, Interessierte am Thema usw. mit einzubeziehen, wenn es darum geht das Projekt zu finanzieren, inhaltlich weiterzuentwickeln und in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Hier wünsche ich mir Offenheit, sowohl bei den Förderanstalten, dem Fernsehen, den Ausbildungsstätten wie Filmhochschulen usw. und vor allem bei den Filmemachern. Notwendig dafür ist die finanzielle Unterstützung solcher Aktivitäten, wie beispielsweise der Position des PMD, dem “Producer of Marketing and Distribution”. Diese Position im Filmteam ist in den USA schon weit verbreitet, hierzulande allerdings noch weitesgehend unbekannt. Er übernimmt parallel zum Produktionsprozess vielfältige Marketing- und Kommunikationsaufgaben, die ich im Marketing-Kapitel von “Dok & Crowd” beschrieben habe. Die Bedeutung seiner Arbeit ist in jedem Fall wichtig und könnte auch mindestens eine Crowdfunding-Kampagne im Produktionsprozess umfassen.

Wolfgang: Vielen Dank für das Gespräch!


GEWINNSPIEL: Wer das Buch von Paul Rieth gewinnen möchte, der hinterlässt bitte hier oder auf Facebook bis 1.12.2015 einen Kommentar, warum er/sie das Buch unbedingt haben muss. Die Ziehung erfolgt per Zufall. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!



2 Antworten zu “DOK & CROWD: Dokumentarfilme finanzieren und verwerten”

  1. Marc sagt:

    Weil ich Filmemacher & Crowdfunding begeisterd bin!!

  2. Die GewinnerIn ist Gietta, die via Facebook einen Kommentar hinterlassen hat. GRATULATION!

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