Handyfilme als Jugendkultur

Im UVK Verlag ist vor ein paar Monaten das Buch „Handyfilme als Jugendkultur“ erschienen. Die Autoren Christian Ritter und Ute Holfelder haben darin das Phänomen Handyfilm auf der Grundlage eines mit Jugendlichen in der Schweiz durchgeführten Forschungsprojektes untersucht. Mich hat vor allem der Zusammenhang zwischen Alltagseinsatz und ästhetischer Nutzung interessiert, daher habe ich Ute Holfelder ein paar Fragen zum Buch und der zugrundeliegenden Forschung gestellt:

Handyfilme

Wolfgang: Liebe Ute, du hast mit deinem Kollegen Christian Ritter ein Buch über Handyfilme als Jugendkultur geschrieben. Wie kam es dazu?

Ute: Mein Kollege Christian Ritter und ich haben von 2012 bis 2014 in Zürich ein Forschungsprojekt zu Handyfilmen in der Jugendkultur durchgeführt. Wir sind beide Kulturwissenschaflter, die sich für den „Alltag“ interessieren. Als „Alltagsforscher“ wollen wir erfahren, was Menschen mit Medien machen, wie sie ihren Alltag mit Medien gestalten, aber auch welchen Einfluss Medien auf die Alltagsgestaltung von Menschen haben. Nun sind Handyfilme ein noch recht junges Phänomen – das erste Handy mit integrierter Kamerafunktion, das Nokia 3650 –, kam erst vor gerade einmal 13 Jahren auf den Markt, Handyfilme sind aber heute aus den Medien und aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Nichtsdestotrotz haftet Handyfilmen, speziell von Jugendlichen aufgenommenen, ein negatives Image an, weil sie oft in Verbindung gebracht werden mit dem so genannten Happy Slapping und anderen Gewalthandlungen. Uns ging es darum, eine andere Perspektive auf Handyfilme einzunehmen und zu fragen: Wie Jugendliche das Filmen mit dem Handy in ihr Alltagsleben einbauen, wie sie ihren Alltag damit gestalten und in welcher Weise sie Handyfilme als Ressource nutzen. Um unsere Forschungsergebnisse über den akademischen Rahmen hinaus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben wir die Wanderausstellung „Handyfilme. Jugendkultur in Bild und Ton“ konzipiert, die zur Zeit durch die Deutschschweiz tourt. Außerdem haben wir das Buch „Handyfilme als Jugendkultur“ geschrieben, das sich als wissenschaftliches Sachbuch versteht.

Wolfgang: Was kann man sich unter Handyfilm vorstellen?

Ute: Unter einem Handyfilm kann man selbstverständlich Verschiedenes verstehen, Filme, die man aus dem Netz herunterlädt und auf dem Handy anschaut. Oder solche, die man mit dem Handy aufnimmt und dann nachbearbeitet, schneidet und mit Musik unterlegt. In unserem Buch verstehen wir unter Handyfilmen ausschließlich private Filme, die Amateure in ihrem Alltag aufnehmen und nicht bearbeiten.

Wolfgang: Dennoch, diese Amateurfilme besitzen eine eigene Ästhetik und haben zum Teil durchaus schon professionellen Charakter, oder?

Ute: Ja, im Alltag aufgenommene Handyfilme zeichnen sich durch eine spezifische Ästhetik aus: Das beginnt schon mit der relativen Kürze der Videos – nur wenige Handyfilme aus unserer Sammlung dauern länger als eine Minute, sie sind eher Momentaufnahmen, die wie Schnappschüsse nicht „perfekt“ sein müssen. Solche Handyfilme sind häufig verwackelt, wechseln manchmal von einer Sekunde auf die andere vom Hoch- zum Querformat und wieder zurück und haben eine schlechte Tonqualität. Sie wirken oft improvisiert, es kann sein, dass Ungeplantes mit aufgenommen wird, zum Beispiel eine Person mitten ins Bild läuft oder – was noch weit häufiger passiert – Geräusche oder Gespräche mit aufgezeichnet werden, die nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Film stehen.

Daran stört sich aber keiner, sondern diese Ästhetik gehört quasi zum Medienformat „Handyfilm“ dazu, sie macht sogar dessen Reiz aus: Handyfilme gelten als besonders wirklichkeitsnah und authentisch, obwohl sie – wie jede andere (audio)visuelle Repräsentation auch – nur einen vom Produzenten ausgewählten Ausschnitt der Welt darstellen und diese Darstellung noch dazu geprägt ist davon, was das jeweilige Aufnahmegerät technisch zu leisten vermag.

Diesen Charme des Selbstgemachten von dem der Regisseur Wim Wenders behauptet, man können ihn mit normalen Filmkameras „ums Verrecken nicht eingefangen bekommen“, entdecken nun zunehmend auch professionelle Filmemacher.  Bereits der im Jahr 1999 gedrehte US-Kult-Horrorfilm „The BlairWitch Project“ arbeitete mit der Suggestion, der vermeintlichen Authentizität. Auf der anderen Seite professionalisieren sich aber auch Handy-filmende AmateurInnen: Sie orientieren sich an Bildtraditionen von Film und Fotografie und stellen, insbesondere seit regelmäßig neue Software auf den Markt kommt, Handyfilme her, die zwar mit dem Charme des Improvisierten spielen, aber doch recht professionell daher kommen.

Ein beliebtes Genre sind zum Beispiel Filme von Reisen, die per Handykamera dokumentiert und anschließend zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt und mit Untertiteln versehen werden. Hier bewegen wir uns in einer Grauzone zwischen amateurhaften und professionellen Praktiken, wir KulturwissenschaftlerInnen sprechen diesbezüglich von „Medienamateuren“. In unserem Buch haben wir uns damit allerdings nur ganz am Rande beschäftigt.

Wolfgang: Wie verbreiten sich solche Filme dann? Spielen Snapchat und Co. hier eine große Rolle?

Ute: Whatsapp und Snapchat spielen bei der Verbreitung von Handyfilmen mittlerweile zunehmend eine wichtige Rolle. Allerdings werden eklatant mehr Fotos als Filme über Social Media verbreitet. Auffallend war zum Zeitpunkt unserer Forschung, dass Handyfilme eher in als „privat“ konnotierten Kontexten verbleiben als Fotos. Auf Facebook oder Instagram, die Plattformen, die als „öffentlich“ gelten, weil sie anders zugänglich sind, wurden deutlich weniger private Filme hochgeladen. Das gilt auch für YouTube.

Wolfgang: Welche Trends und Phänomene beobachtet ihr aktuell im Rahmen eurer Forschung?

Ute: Es sind zwei Tendenzen, die auffallen: zum einen der quantitative Zuwachs an Handyfilmen, zum anderen qualitative Aspekte.

Zum ersten Punkt, die „Quantität: Wir haben in unserem Projekt ja nur Handyfilm-Praktiken von Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht. Diese Beschränkung hatte einerseits forschungsstrategische Gründe, weil man muss ein Forschungsgebiet ja immer möglichst sinnvoll eingrenzen sollte. Es lag aber andererseits auch daran, dass das Medienhandeln mit Handys von jungen Menschen damals sichtbarer war als das anderer Altersgruppen. Hier hat sich aufgrund der weiteren Verbreitung internetfähiger Handys in den letzten Jahren viel getan und nicht nur ältere, sondern auch ganz junge Menschen im Kleinkindalter nutzen die Handykamera mittlerweile ganz selbstverständlich – und das quer durch alle soziale Schichten.

Dabei, und das führt jetzt schon zum zweiten Punkt, entsteht eine wahre Bilderflut ganz unterschiedlicher audiovisueller Artefakte: vom aus Versehen aufgenommenen Fußboden-Filmschnipsel bis hin zu durchgeplanten semi-professionellen YouTube-Tutorials. Die Möglichkeiten Filme nachzubearbeiten oder gleich in verschiedenen Modi (rückwärts, slow motion…) aufzunehmen, erweitern sich durch entsprechende Software ständig, von diesen Optionen wird allerdings im Alltag noch nicht so viel Gebrauch gemacht wie von denen für die Fotografie. Dies ist aber erwartbar, ebenso wie davon auszugehen ist, dass die technologischen Voraussetzungen für die Tonaufnahme im Kameramodus weiterentwickelt werden wird, die ja hinter den visuellen Möglichkeiten noch weit hinterherhinken.

Auffallend ist natürlich auch, dass von Amateuren aufgenommene Handyfilme mittlerweile zum Inventar der professionellen Nachrichtenberichterstattung gehören – woran man wiederum sehen kann, dass sich die Grenzen zwischen professionellen und amateurhaften Praktiken auflösen. Darin, dass heute jeder und jede unaufwändig audiovisuelle Artefakte herstellen kann, sehen wir einen Demokratisierungsschub und interpretieren diese Option als Potenzial zur Selbstermächtigung: Nicht nur Profis oder, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wohlhabende Amateure sind in der Lage, ihr Leben zu dokumentieren und sich auf diese Weise die „Welt“ anzueignen, sondern breite Bevölkerungsschichten, jung und alt.

Wir interpretieren Handyfilme darüber hinaus vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Ästhetisierungsprozesse. Damit beziehen wir uns auf theoretische Konzepte, die davon ausgehen, dass  Subjekte in den entwickelten, reichen Ländern des Westens ihren Alltag nicht mehr rein „zweckorientiert“ vollziehen, sondern „ästhetisiert“. Sie stilisieren ihre Lebensvollzüge in den unterschiedlichsten Formen bzw. vollziehen „ästhetische Praktiken“ mittels derer sie sich sozial positionieren. An diesen ästhetischen Praktiken erkennen sie einander auch, beispielsweise an der Kleidung, an den Essensvorlieben, an der Art Wohnungseinrichtung – und daran wie und was sie mit ihren Handys filmen und anschließend damit tun.

Wolfgang: Auch wenn wir das Interview wohl live via Periscope streamen hätten sollten – VIELEN DANK DAFÜR!



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