Kick Out Your Boss – Dokumentation zur Neuorganisation von Arbeit [Interview]

Mit Kick Out Your Boss hat die Filmemacherin und Journalistin Elisabeth Scharang einen Dokumentarfilm produziert, der abseits der herkömmlichen Distributionswege zu den Menschen finden soll. Der Film selbst handelt von alternativen Arbeitsmodellen, die dazugehörige Webplattform ermöglicht es der Crowd, diese Geschichten selbst weiterzuerzählen. Das Ergebnis: ein äußerst sehenswertes Crossmedia-Projekt, zu deren Hintergründen ich die Regisseurin befragt habe:

kick out your boss

Wolfgang: Elisabeth, dein Film „Kick Out Your Boss“ ist ein Dokumentarfilm über neue Zugänge zu Arbeit. Was erwartet uns?

Elisabeth: Mehr Fragen als Antworten. Und Menschen, die ich gesucht und besucht habe, die Arbeit neu denken. Das bedeutet nicht, dass man das Rad neu erfinden muss, sondern dass man nach dem WIE fragt. Und dem WARUM? Wenn jemand ein eigenes Büro hat und eine eigene Sekretärin, dann bedeutet das Status nach außen. Wenn er das Büro räumen muss bedeutet das, diesen Status zu verlieren. Aber wie kann sich jemand verändern und bewegen , wenn man so denkt?

Wolfgang: Im Film begleitest du Menschen bzw. Unternehmen, die sich diesen Fragen gestellt haben. Welche Erfahrungen haben sie gemacht?

Elisabeth: Es sind drei Unternehmen. In Serbien, in Graz und in Brasilien. Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, weil es einerseits eine Pharmafabrik in Serbien, andererseits eine Kreativagentur in Graz ist. Aber es gibt viele gemeinsame Ideen und Visionen: es geht um Menschen. Und um Würde. Und um Freude. Besonders spannend fand ich die Reise nach Brasilien zu Semco. Ricardo Semler hat vor dreißig Jahren die Fabrik seines Vaters übernommen und alles umgekrempelt. Demokratisches Management. Wenn man erwachsene Menschen auch am Arbeitsplatz als solche behandelt, dann agieren sie auch als solche.

Wolfgang: Das sind jedoch nicht die einzigen Beispiele für eine Neuorganisation von Arbeit. Auf der Film-Webseite sammelt ihr weitere Stories…

Elisabeth: Die Plattform ist die wirklich spannende Reise für mich. Der Film ist ein Teil dieser Reise. Aber man kann das Thema ARBEIT nicht in einem Film diskutieren. Es gibt soviel Biografien und Geschichten. Ich möchte diesen Geschichten einen Raum geben. In diesem Raum finden Gespräche statt. Ein sich erweiterndes Team von Menschen schreibt für dieses Plattform. Wir machen Interviews mit Menschen, die wir kennen oder kennen lernen. Über ihre Arbeit, über ihre Wünsche, ihre Träume und ihre Talente. Das Interessante: für beide Seiten ist das immer ein tolles Erlebnis. man stellt sich selbst Fragen, für die im Alltag kein Platz ist. Erkenntnisreich! Und die Schreiberinnen arbeiten in einem Bereich, wo niemand vorschreibt, wie lange die Geschichte sein darf, wie sie inhaltlich ausgerichtet sein muss. Du veröffentlichst, was du für wissens- und lesenswert findest. Was du den Menschen da draußen erzählen magst. Wir haben dafür ein kleines Budget. Alle, die schreiben, bekommen zwischen 50 und 100 Euro für eine Geschichte. Jede/r verrechnet nach dem, was er/sie richtg findet. Über diese Plattform ist mir selbst erst klar geworden, dass ich – obwohl ich bestimmt recht frei arbeiten kann – doch oft sehr normiert agiere. Es gibt doch viele Auflagen von außen, die man übernimmt. Diese Plattform ist eine Form von Freiheit in meinem persönlichen Arbeitsalltag geworden.

Wolfgang: Stichwort Freiheit. Im Film-Business muss man sich auch oft an Regeln und Reglementierungen halten. Wie sieht es bei diesem Projekt aus, wart ihr hier freier?

ElisabethKleine Filme große Freiheit 😉 

Wolfgang: Ich meine damit z.B. Dinge wie die Online-Premiere, die ihr kurz nach der regulären Premiere gemacht habt.

Elisabeth: Es hat auf der Diagonale eine Weltpremiere gegeben, aber einen klassischen Filmstart gibt es nicht. Somit ist diese Online-Premiere heute Abend unsere „richtige“ Premiere. Ich finde das sehr aufregend! Wirklich! Ich freu mich auch schon richtig auf den Abend! Obwohl ich die ZuschauerInnen ja nicht sehen werde. Aber ich bin den Abend über im FM4-Forum erreichbar. (Anmerkung: die Online-Premiere fand bereits am 5. Mai, dem Tag des Interviews statt)

Es war eine Reaktion darauf, dass die Kinobetriebe so vorsichtig geworden sind. Die Besucherzahlen letztes Jahr waren nicht so toll. Reaktion: man überlegt nicht neue Wege, sondern verlässt sich auf Altbewährtes. Aber nachdem ich mit Kick Out Your Boss einen Film in der Hand habe, mit dem ich ohnedies abseits der klassischen Verwertung arbeiten wollte, ist es eine gute Chance, mal anderes auszuprobieren: eben eine Premiere im virtuellen Kino.

Wolfgang: Wie geht’s dann weiter mit dem Projekt?

Elisabeth: Im Mai sind wir mit einer Veranstaltungsreihe in Graz im Kino, in Kooperation mit dem Lendwirbel, mit der Wertstatt und dem Social Business Club. Am 7., am 15. und am 27.5. sowie am 10.6. sind wir im großen Saal im KIZ RoyalKino in Graz. dort kann man den Film also analog schauen und danach zu unterschiedlichen Themen und Gästen diskutieren, mit Fragen wie: wie viel Mitbestimmung wollen wir eigentlich? Wie funktionieren Mitarbeiter-freundliche Unternehmen? Oder Selbständig: lebst du deinen Traum?

Außerdem sind wir im Gespräch mit dem Forum Alpbach und dem steirischen Herbst, die den Film zeigen wollen. Und im September kommen wir nach Wien, NÖ und OÖ. Auch mit Veranstaltungen. Meine Erfahrung: die Leute schauen sich den Film an und dann wollen sie über sich reden, über ihre Situation. Was kann man verändern und bewegen? Und zwar ohne aus dem System auszusteigen, ohne dass man Biobäurin werden muss, denn das ist nicht für jede Frau was ;-).

Wolfgang: Super Sache! Ich hoffe, ihr erreicht auf diese Weise ebenso viele interessierte Menschen und könnt ihnen dadurch sogar einen gewissen Mehrwert bieten. Viel Erfolg damit und danke, Elisabeth!



Eine Antwort zu “Kick Out Your Boss – Dokumentation zur Neuorganisation von Arbeit [Interview]”

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