Schneeflöckchen – Independentfilm made in Germany

Kollegin Jessi Renzi hat mich neulich auf einen Independent Film made in Germany hingewiesen: Schneeflöckchen. Es dreht sich dabei um ein Projekt der  Schneeflöckchen GmbH, die von den Produzenten Erkan Acar, Reza Brojerdi, Adrian Topol extra als Produktions- und Verwertungsgesellschaft für den Film gegründet worden ist. Die Berliner Firma Lopta Film stellt dafür Büroinfrastruktur bereit und unterstützt unter anderem in der Person von Florian Müßener das Team. Florian selbst leitet normalerweise Werbefilmproduktionen, doch im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne zu Schneeflöckchen kümmert er sich aktuell um die PR und Social Media Arbeit. In einem Interview hat er mir vom Projekt erzählt:

schneeflöckchen engel

Wolfgang: Ihr bewerbt Schneeflöckchen als innovative, technisch innovative Spielfilm Produktion. Was kann man sich darunter vorstellen?

Florian: Die Produktion ist deshalb so technisch innovativ, weil wir mit der Canon 5D MarkIII drehen, die sich eigentlich nicht für Kinofilme eignet. Seitdem es aber ein Firmware Update namens Magic Lantern für diese Kamera gibt, kann diese unkomprimierte und ungefilterte RAW files aufnehmen. Dadurch hat man mehr Möglichkeiten, das Bild zu erstellen und zu bearbeiten – man muss aber gleichzeitig viel präziser arbeiten (bei der Aufnahme und in der Postproduktion) und mit gigantischen Datenvolumen operieren – kurz gesagt, man muss sich gut darauf vorbereiten und genau wissen was man tut, um die Vorzüge von Magic Lantern voll ausschöpfen zu können.

Dieses Firmware Update wurde von unabhängigen Entwicklern geschrieben, also nicht von Canon selbst, weswegen es technisch gesehen ein Hack ist. Was kann man sich darunter vorstellen? Das Bild ist einfach viel reichhaltiger und satter und man kann es theoretisch auch auf eine Leinwand projizieren, was ja auch unser Ziel ist  – im abstrakten Sinne enthält das Bild einfach mehr Informationen, die man bewusst verwenden kann, um das filmische Erleben der Erzählung zu stützen. Nach unserer Kenntnis ist Schneeflöckchen der erste Spielfilm, der quasi komplett mit diesem technischen Magic Lantern Hack gedreht wird.

Wolfgang: Nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich wollt ihr neue Wege gehen. Worum geht’s im Film?

Florian: Auf unserer Crowdfunding-Seite haben wir das so formuliert: „Schneeflöckchen“ ist ein bitterböser Genre-Mix aus Action, Thriller und Komödie, der in einer nahen Zukunft spielt. Wahnwitzige Charaktere geraten dabei in einen Teufelskreis aus Rache und Karma, der den Sinn ihrer persönlichen Suche nach Vergeltung in Frage stellt. Das alles passiert in einer überspitzten Welt, die bei genauerem Hinsehen gar nicht so unrealistisch erscheint und vielleicht mehr Wahrheiten birgt als uns lieb ist. Wir lieben Filme und Schneeflöckchen repräsentiert alles, was wir an Filmen lieben. Das Drama ist intensiv, die Action ist explizit. Dabei wird man ein Aufeinanderprallen von Charakteren und Situationen erleben, wie man es wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen hat:

Das geheimnisvolle Drehbuch eines verrückten Zahnarztes bereitet die Bühne für zwei Ganoven, die sich mehr Sorgen über ihren Döner als ihr Leben machen. Du wirst Gott begegnen, der gerne Ravioli aus der Dose isst, einen hoffnungslos hoffnungsvollen Engel, einen hyper-elektrischen Superhelden, sowie kannibalistische Auftragskiller und einen furchtbar gehorsamen Android Prototypen. Mehr dazu wie gesagt auf unserer Indiegogo-Seite 😉

Wolfgang: Um den Film realisieren zu können habt ihr eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Euer Ziel € 30.000. Reicht das?

Florian: Andere Kampagnen für Filme sind sehr erfolgreich und erreichen mehrere Hunderttausend oder sogar über eine Million – aber sie können für gewöhnlich auf eine große etablierte Fanbase zurückgreifen, weil die Macher selbst einen gewissen Bekanntheitsgrad haben oder der Stoff den sie verfilmen sehr populär ist  – uns kennt keiner und die Geschichte auch nicht. Dies ist auch unsere erste eigene Erfahrung mit Crowdfunding – jetzt wo wir mitten drin stecken, lernen wir viel darüber wie man Crowdfunding effektiv betreibt. Das Ziel 30.000,-EUR ist also das, was für uns realistischerweise schaffbar ist.

Wie im Kampagnentext erwähnt, verlassen wir uns auf lang etablierte Arbeitsbeziehungen mit Filmdienstleistern und Teammitgliedern. D.h. wir können Preise und Gagen abrufen, die man so normalerweise nicht auf dem Markt bekäme – das liegt in dem Vertrauen begründet, dass wir uns über Jahre bei den Leuten erarbeitet haben. Und uns ist klar, dass es ein großer Gefallen ist, den uns die beteiligten Individuen tun. Daneben versuchen wir ja auch noch weitere Investoren und Sponsoren zu motivieren, uns zu unterstützen – und wenn man auf die richtige Art auf sich aufmerksam macht, wird auf einmal auch einiges möglich. Dennoch werden wir kein Budget zusammenbekommen, das im Kino üblich wäre. Erst durch das Vertrauen und diese vielen individuellen Gefallen ist es möglich, den Film überhaupt zu machen.

Wolfgang: Ihr schreibt auch, dass ihr den Film außerhalb der üblichen Produktionswege des Europäischen Kinos machen wollt. Was heißt das?

Florian: Die Budgets für Kinofilme in Europa werden in der Regel zum Großteil durch TV Sender und Förderanstalten getragen. In so einem Umfeld stehen kreative Entscheidungen oft wirtschaftlichen und manchmal auch politischen  Entscheidungen gegenüber. Welche Besetzung passt zum Film und zum beteiligten TV Sender? Kann die Produktionsfirma bereits auf Erfolge bzw. abgeschlossene Projekte verweisen? Wie bekannt ist der Regisseur oder die Heads of Department? Entspricht das Buch den Regeln der Political Correctness? Wir haben uns bewusst dazu entschieden, diese Institutionen nicht in den Produktionsprozess hinzu zu ziehen, weil wir den Film auf unsere Weise machen wollten, mit unseren Freunden. Die Entscheidung ist keine Kampfansage an „das System“. Wir sind Profis, wir verlassen uns aufeinander und auf unseren Instinkt –  wir haben die Möglichkeit erkannt, den Film auf diese Weise zu machen und sie einfach ergriffen.

Wolfgang: Truly Independent also. Wie soll es nach dem Crowdfunding und der Fertigstellung mit „Schneeflöckchen“ weitergehen?

Florian: Für uns ist das wichtigste jetzt erstmal den Film im geplanten Zeitraum (bis August 2014) fertig zu drehen. Der Dreh birgt die meisten Risiken und ist das teuerste an einem Film. Das Crowdfunding-Geld wird zum allergrößten Teil in die Ausstattung und technische Umsetzung des Films gesteckt. Wir haben nun glücklicherweise einen DVD Vertrieb in Capelight Pictures gefunden. Hier gibt es klare Absprachen, wann der Film fertig werden muss. Wir haben unsere Postproduktionskapazitäten so eingetaktet, dass wir den Film bis Frühling nächsten Jahres fertig stellen können. Und es besteht immer noch Hoffnung auf eine Berlinale Einreichung.

Wolfgang: Also klassische Verwertung – Festival, Kino, DVD? Welche Rolle könnten digitale Distributionswege spielen?

Florian: Ja. Die geplante Verwertung kann man durchaus als klassisch bezeichnen. Eine Video on Demand Verwertung ist auch mit Capelight geplant – das könnte man heutzutage auch schon als klassischen Vertriebsweg bezeichnen. Wie gesagt, alles fing damit an, dass wir einen Film machen wollten, den wir uns selbst gern ansehen würden. Mit jedem Schritt, den dieses Projekt dann gewachsen ist, wuchs auch die Bereitschaft anderer, daran mit zu wirken und nun stehen wir in der Verantwortung, ihn richtig auszuwerten und möglichst vielen Leuten zugänglich zu machen. Wir versuchen das alles möglich zu machen, aber das Wichtigste ist für uns momentan erstmal, einen guten Film fertig zu stellen.

Wolfgang: Dann wünsche ich euch dabei viel Erfolg und freue mich auf den fertigen Film!

 



Eine Antwort zu “Schneeflöckchen – Independentfilm made in Germany”

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