Hamburg’s Metrobus „Die Wilde 13“ on Tour nach Wien (Film plus Diskussion)

Kommende Woche wird im Wiener Filmcasino „Die Wilde 13“ gezeigt, eine Dokumentation über den Hamburger Stadtteilbus mit der Nummer 13. Produzent und Autor Marco Antonio Reyes Loredo und ich haben uns vor Jahren kennengelernt und wir sind seither im regelmäßigen Kontakt und Austausch. Er hat mich daher gebeten, die im Anschluss an die Vorführung geplante Publikumsdiskussion zu moderieren. Und ich habe natürlich „JA“ gesagt. Weil Marco immer wieder spannende Sachen macht, u.a. die Konspirativen KüchenKonzerte, habe ich ihn außerdem spontan zu einem kurzen Interview eingeladen. Weiter unten findet ihr die Details zum Event in Wien sowie den Trailer. Jetzt aber erstmal das Gespräch über Film, Internet, Theater und schlafende Riesen:

die wilde 13 in wien

Wolfgang: Ihr seid mit eurem Film „Die Wilde 13“ demnächst im Filmcasino Wien zu Gast. Worum geht’s im Film?

Marco: Wir leben und arbeiten seit sieben Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg. Das war ein alter und armer Arbeiterstadtteil in Hafennähe, der sich jetzt rasend schnell verändert. Die internationale Bauausstellung (IBA) und die internationale Gartenschau (igs) haben hier 2013 stattgefunden und es ziehen seit Jahren Künstler und Kreative hierher. Es prallen gleichzeitig mehrere Welten aufeinander, die in ganz unterschiedlicher Weise bedroht und gefährdet sind. Wir haben ein Vehikel gesucht, man könnte es auch Mikrokosmos nennen, in dem wir diese verschiedenen Sphären sichtbar machen können. Und der Metrobus 13 ist das perfekte Spiegelbild dieses Stadtteils. Hier erkennt man wie in einem Brennglas die Probleme, Risiken und Chancen von Hamburgs größtem Stadtteil. Im Film begleiten wir verschiedene Protagonisten im Bus, aber auch darüber hinaus, und zeigen ihre Hoffnungen, Erwartungen und Ängste an die ungewisse Zukunft.

Wolfgang: Für den Film habt ihr Ende 2012 eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Welche Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Marco: Es hat uns sehr überrascht wie neu das Thema Crowdfunding in unserem Umfeld damals noch war und immer noch ist! Auch wenn nun immer mehr erfolgreiche Projekte hinzukommen, darf man sich nicht dem Trugschluss hingeben, dass es herkömmliche Finanzierungswege schon völlig ersetzen könnte. Aber als zusätzliches Instrument der Mittelbeschaffung und vor allem in der Kommunikation mit den Fans ist es Gold wert! Wir hatten so viele tolle Kontakte über die Zeit, welche wir nicht missen möchten. Dank unserem Produktionsassistenten, Volker von Witzleben-Wurmb, und der Betreuung durch Nordstarter, konnten hatten wir die Kampagne perfekt durchführen und hatten zusätzlich auch noch sehr gute Presse.

Wolfgang: Du sprichst die Kommunikation und die Kontakte beim Crowdfunding an. Kannst du da ein Beispiel nennen?

Marco: Du kennst das ja selber. Kaum betreibt man Crowdfunding und geht spielerisch mit dem Medium um, schon wird man für einen Experten gehalten! Wir wurden noch während unserer Finanzierungsphase zu Vorträgen und Präsentationen eingeladen. Die Filmförderung hier in Hamburg hat uns als Paradebeispiel vorgestellt und Fernsehsender wie der NDR, wo der Film später auch lief, wurden so auf uns aufmerksam. Es ist aber auch ein toller Weg für Freunde und Familie zum Teil des Projektes zu werden. Diese oftmals kleinen Beträge haben Allen ein Vielfaches an Identifikation zurückgegeben. Das hätten wir vorher so nicht gedacht!

Wolfgang: Apropos NDR. Ihr habt ja bereits Fernseherfahrung sammeln dürfen mit euren Konspirativen KüchenKonzerten. Erzähl mal, wie das war?

Marco: Die Konspirativen KüchenKonzerte sind eine Kunst-, Musik, und Kochsendung, die in meiner Privatküche produziert werden. Oder anders gesagt: Populärkultur von Zuhause für Daheim. Wir waren es einfach leid immer nur Klingeltonwerbung im Musikfernsehen serviert zu bekommen oder eine altertümliche Präsentation von zeitgenössischer Kunst im Fernsehen mit ansehen zu müssen. Wir haben also, wie viele, über den schlechten Geschmack im Fernsehen gemeckert. Aber das ist ja auf die Dauer auch langweilig! Und so haben wir ganz lässig mal behauptet, dass können wir besser. Ich glaube so bekloppt können auch nur Leute sein, die vorher noch nie Fernsehen gemacht haben! Denn natürlich ist das nicht einfach und immer noch sauteuer. Aber mit unseren Freunden und Freunden von Freunden haben wir das einfach versucht. Und bevor wir allzu sehr in Selbstzweifeln versinken konnten, sind wir von extrem positiven Reaktionen der Zuschauer und der Presse aufgebaut worden und waren schon mit der siebten Sendung für den wichtigsten deutschen Fernsehpreis, den Adolf-Grimme-Preis, nominiert. Und das als erste freie Produktion jemals! Danach ging es zu ZDFkultur und die Produktionsbedingungen haben sich immer mehr professionalisiert. Aber das grossartigste ist, dass noch immer unsere Freunde mit am Start sind. Und so sind die Produktionen wirklich immer so etwas wie große Hauspartys.

Wolfgang: Die Küchenkonzerte habt ihr ja als Web- bzw. Regional-TV-Show gestartet. Die Verbindung Web- und klassische Medien, wie siehst du die?

Marco: Lustig, dass du das fragst! Für uns gab es von Anfang an eigentlich keine Trennung von online und On Air, sondern wir haben das gleichberechtigt nebeneinander gedacht. Wir selber nutzen das Web doch ganz selbstverständlich auch für den Konsum vom klassischen Medium Fernsehen. Ich selber habe gar keinen Fernseher, aber tummele mich natürlich in den Mediatheken dieser Welt herum und schaue was da geht. Wir haben immer versucht, die unterschiedlichen Kanäle auf ihre spezifischen Bedürfnisse hin zu bespielen. Da ist viel ausprobieren mit dabei, aber es bringt auch Spaß und Kontakte. So haben wir uns beide ja auch kennengelernt! Eben noch Twitter und dann schon beim Filmfest Hamburg im Barcamp. Aber für das Fernsehen waren wir wirklich Exoten! Dort war und ist noch immer diese Trennung vorhanden zwischen Web und TV. Die wird auch solange noch bestehen bleiben, wie die Redaktionen nicht vernetzt arbeiten. So ist beim NDR in Hamburg zum Beispiel die Onlineabteilung beim Radio angesiedelt und sitzt auch räumlich kilometerweit von den Fernsehleuten entfernt. Klar, dass da Kommunikations- und Entscheidungsprozesse viel länger dauern. Solche Medienhäuser sind für mich immer noch schlafende Riesen. Wenn die mal aufwachen würden und erkennen, welche Möglichkeiten sie mit ihren verschiedenen Auspielwegen haben…aber die Zeiten ändern sich zum Glück. Und auch durch Formate wie KKK und den Erfolg von „Die Wilde 13“ werden in den klassischen Medien neue Wege beschritten.

Wolfgang: Davon bin ich überzeugt. Ist dahingehend bei euch aktuell etwas in Planung?

Marco: Wir betreten schon wieder Neuland! Denn „Die Wilde 13“ hält jetzt auch noch im Theater. Das Thalia Theater kam auf uns zu und fragte an, ob wir uns eine Zusammenarbeit vorstellen könnten. Da haben wir nicht lange überlegt und zugesagt. Die Premiere steht am 21. September auf dem Spielplan und jetzt beginnt gerade die heiße Vorbereitungsphase. Und hab ich vorhin nicht von schlafenden Riesen gesprochen? Theater und Medien? Auch ein weites und unbestelltes Feld. Das reizt mich gerade sehr und wir überlegen gemeinsam mit Dramaturgen und Regisseuren, wie man da neue Formen der Kooperation bewerkstelligen könnte. Parallel entwickeln wir aber auch unseren ersten Spielfilm und neue Folgen der KüchenKonzerte.

Und außerdem gibt es da noch die Wilhelmsburger Zinnwerke. Eine alte Fabrik, in der wir unsere Büros haben und in denen sich andere Kreative um uns herum angesiedelt haben und den einst industriellen Raum zu einem Produktionsort des 21. Jahrhunderts transformieren. Als dann im letzten Jahr die Stadt Hamburg den Komplex dann einfach abreißen wollte, haben wir eine Initiative zum Erhalt und für die Entwicklung des Areals gestartet. Auch Bürgerbeteiligung verändert sich durch den Einsatz des Internet‘. Wo früher nur Demos veranstaltet und Transparente gehisst wurden, wird heute fix eine Webseite erstellt, Facebook eingebunden und so eine viel breitere Öffentlichkeit erzeugt. Damit waren wir der Stadt immer einen Schritt voraus. Die Pläne sind längst vom Tisch und nun sind wir sogar in einem partnerschaftlichen Verhältnis mit der Politik. Auch da ändern sich die Strukturen und eine neue Generation kommt nach. Und die wissen ganz genau, dass sich was verändern muss. Nun wird vom „Kulturkanal“ gesprochen, mit den Zinnwerken als Nukleus der Entwicklung, mal schauen wohin uns das noch führt!

Wolfgang: Wie nutzt du selber Facebook, Twitter und Co?  

Marco: Oh ha! Jetzt hast du mich. Ich bin auf den verschiedensten Wegen im Netz, auch im sozialen, unterwegs. Einige behaupten sogar, ich würde da wohnen! Aber aktiv (schreibend) nutze ich Facebook und Co. doch vor allem professionell. Privat bin ich fast ausschließlich Konsument. Übergreifend nutze ich diese Kanäle als Werkzeuge, um Informationen zu platzieren und zu erhalten. Mobil bin ich erst relativ spät geworden. Aber jetzt habe ich die komplette Bandbreite vom Tablet bis zum Smarphone und gehe fest davon aus, dass mein nächster Kühlschrank einen Touchscreen mit Internetzugang hat. In Hamburg wird nun endlich auch damit begonnen die Busse mit W-LAN auszustatten. Leider gibt es das noch nicht in der Wilden 13, aber die HOCHBAHN arbeitet dran.

Wolfgang: Das klingt doch gut. Wer dich also in Wien nicht treffen sollte, der kann dich online kontaktieren 🙂 Vielen Dank für das Gespräch!

DETAILS ZUR VERANSTALTUNG

TitelHamburg on Tour – Mit der Wilden 13 nach Wien 

BeschreibungHamburg kommt nach Wien und bringt ein Wochenende voller Sensationen mit! Während sich die Hansestadt auf anlegenden Papierschiffen am Donaukanal in Film, Bild und Wort präsentiert, hat die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein DIE WILDE 13 im Handgepäck. Der Film, der die rasanten Veränderungen des multikulturellen Stadtteils Hamburg-Wilhelmsburg mit dem Bus erkundet, wird am Samstag um 15 Uhr im Filmcasino Wien gezeigt. 

Im Anschluss an das Screening gibt es eine Podiumsdiskussion mit Regisseurin Kerstin Schaefer, Produzent Marco Antonio Reyes Loredo sowie Architektin und Stadtforscherin Amila Sirbegovic, die zum Thema „migrationsbedingtes Wohnen“ an der TU Wien promoviert hat. Moderiert wird das Gespräch von Kommunikationswissenschaftler, Blogger und Autor Wolfgang Gumpelmaier.

Datum: 2. August 2014

Zeit: 15 Uhr

Ort: Filmcasino Wien

Eintritt: frei

Trailer: Die Wilde 13



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