Buchvorstellung: Live-Streaming für Jedermann mit Hangouts on Air

Hannes Schleeh und Gunnar Sohn haben sich im deutschsprachigen Raum als Spezialisten von Live-Streamings via Hangout on Air positioniert und organisieren unter anderem das StreamCamp 2014 in München. In den vergangenen Monaten haben sie viel experimentiert und optimiert, sowohl mit der Streaming-Technik, als auch mit den Formaten. Nun haben sie ihre Erfahrungen in ein Buch gepackt, das nicht nur für Einsteiger hilfreiche Tipps und zahlreiche Inspirationen bietet. Ich selbst habe mich durch das Buch gewühlt und mir ein paar Themen herausgepickt, zu denen ich Hannes interviewt habe. Hier das Ergebnis:

hannes schleeh AGRITECHNICA

Studio im Pressezentrum der Deutschen Messe AG auf der AGRITECHNICA 2013 in Hannover Foto: Tobias Hoops

Wolfgang: Demnächst erscheint euer Buch „Live Streaming mit Hangout on Air„. Wie kam es dazu?

Hannes: Ich war von Anfang an bei Google Plus dabei. Hangouts haben mich besonders fasziniert. Im September 2012 haben wir aus einem Bloggertreffen kurzfristig eine virtuelle Veranstaltung via Hangout on Air gemacht. Das war die Geburtsstunde von Bloggercamp.tv. Mittlerweile sind wir bei fast zweihundert Live-Sendungen. Wir haben sehr viel mit dem Format ausprobiert und haben schon Anfang 2013 ein Buch darüber auf der Crowdfunding Plattform Startnext eingestellt. Damit sind wir heiter gescheitert. Ende 2013 habe ich mit anderen Autoren gemeinsam an einem kostenlosen Ebook zu SEO in Social Media beim Hanser Verlag geschrieben. Danach wurde ich vom Verlag gefragt, ob ich nicht ein Buch zu Hangout on Air schreiben möchte. Da es zu diesem Thema noch kein Buch auf dem Markt gab, habe ich mich entschlossen gemeinsam mit Gunnar Sohn das Buch zu schreiben.

Wolfgang: Worum geht’s im Buch? Ist es eher für Einsteiger oder können sich auch Fortgeschrittene inspirieren lassen?

Hannes: Nachdem es zu diesem Thema noch gar keine Publikation auf dem Markt gegeben hat, ist es sowohl für Anfänger, als auch für Fortgeschrittene gedacht. Die Profis können die ersten beiden Kapitel dann getrost überfliegen. Dort habe ich die Begriffe und Grundlagen erklärt und auf was es bei einer guten Livesendung ankommt. In den weiteren 15 Kapiteln geht es dann ans Eingemachte. Wir behandeln verschiedene Anwendungsszenarien für den Einsatz von Live Streaming. Teilweise werden von uns in den letzten Jahren umgesetzte Projekte, wie der Einsatz auf der weltgrößten Landtechnikmesse und eine Live Pressekonferenz, Schritt für Schritt und detailliert mit Plänen und Abläufen dargestellt. Auch die leider sehr undurchsichtigen, gesetzlichen Rahmenbedingungen werden ausführlich behandelt.

Wir befassen uns auch mit Zukunftstechnologien, wie dem Einsatz von Drohnen und der Google Glass zur Übertragung von Livesendungen. Im vorletzten Kapitel verrate ich dann ausführlich, wie man sich ein kleines Fernsehstudio mit Greeenscreen und Liveschnitt zu Hause einrichtet. Wir haben unser komplettes Know-How aus mehr als 400 Livesendungen zwischen die beiden Buchdeckel gepackt. Es sind aber nicht nur reine technische Anleitungen, denn schließlich soll das Lesevergnügen nicht auf der Strecke bleiben. Einige Leseproben aus unserem Buch findet man auf unseren Blogs http://ichsagmal.com und auf http://schleeh.de. Es soll ja niemand die Katze im Sack kaufen!

Wolfgang: Eure Tipps sind sehr praxisorientiert. Ich kann mir also als Hangouts-Advanced-User durchaus auch noch ein paar Hinweise zur Optimierung meiner Sessions holen?

Hannes: Das kommt natürlich darauf an, was Du als Hangouts-Advanced-User schon alles gemacht hast. Aber ich denke schon, dass auch für Dich einige brauchbare Tipps, Anleitungen und Ideen dabei sind, die Dir neue Impulse zur Optimierung Deiner Live-Sendungen oder Ideen für neue Formate bringen können.

Wolfgang: Na zum Beispiel mache ich ja alle zwei Wochen einen Crowdfunding-Talk auf ununi.TV. Mein erster Schritt zur Optimierung war die Anschaffung eines Samson USB Mikros. Was könnte ich denn noch verbessern?

Hannes: Das Samson empfehlen wir als gutes und günstiges USB-Mikrofon in unserer Video-Equipment Liste. Das haben wir selbst in einem Hangout on Air Mikrofon-Check getestet. Ich habe mir ein paar Deiner Sendungen angesehen. Du machst das schon sehr professionell und ich kann da nur kleine Verbesserungs-Potentiale erkennen.

Die erste Frage wäre nach Deiner Bandbreite. Entweder die ist nicht sehr hoch oder Du bist über WLAN im Hangout on Air. Funknetze haben systemimanente Schwankungen. Das können andere Nutzer sein, die Bandbreite abziehen oder Störungen auf den Frequenzen von außen. Deshalb raten wir immer eine LAN-Verbindung zu nutzen. Zur Not über DLAN an der Steckdose. Die Qualität der Übertragung kann man sehr schön am Text der Bauchbinden erkennen. Während Dein Interview-Gast beim #cfew 36 super scharf rüber kommt (Hohe Bandbreite, LAN und gute Kamera) scheint der Gast des #cfew 35 aus einem stark schwankenden WLAN gesendet zu haben.

Deshalb machen wir bei Bloggercamp.tv immer ein paar Tage vor der Sendung einen Technik-Check, den Du im Buch auf Seite 55 im Kapitel 4.2 erklärt findest. Damit kann man je nach den vorhandenen Möglichkeiten beim Teilnehmer vor Ort noch das Beste rausholen. Ein paar Kleinigkeiten sind mir bei Dir selbst noch aufgefallen. Du könntest Dich noch besser ausleuchten. Zwei Softboxen (sind in der oben erwähnten Liste verlinkt) eine von vorne links und eine von vorne rechts würden Dich in voller Schönheit erstrahlen lassen! 😉 Dann würde ich noch den Hintergrund unauffälliger gestalten. Sieht nach viel Arbeit links hinter Dir aus. 😉 Bei Deinem Custom Overlay in der Hangout Toolbox würde ich das Feld mit dem Namen weiter nach unten setzen, damit steht der Platz zwischen unterem Bildrand und der Bauchbinde weiter oben zur Verfügung.

Wolfgang: Danke. Spannend finde ich auch, dass ihr auch verschiedene Einsatzmöglichkeiten für Hangouts on Air skizziert. Gib doch mal ein paar Beispiele bitte.

Hannes: Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, die wir nahezu alle selbst ausprobiert und im Buch beschrieben haben, um dem Leser Anregungen für eigene Formate zu geben.

Meine Lieblingsbeispiele sind Messe-TV und Drohnen-Livestreaming. Auf der flächenmäßig größten Messe der Welt, der AGRITECHNICA, durfte ich im November 2013 im Auftrag der DLG über deren YouTube-Kanal live von der Messe berichten. Wir haben zu zweit in 3 Tagen 19 Live-Sendungen und einen geschnittenen Beitrag von der Messe gemacht. Dazu sind wir im Stunden-Takt von Messehalle zu Messehalle gezogen. Messen sind Live-Ereignisse und dazu passen Live-Sendungen. Das war eine absolute Premiere und da ist auch Einiges schief gegangen, aber das macht den Reiz am Live Streaming für mich aus. Ausprobieren und aus den Fehlern lernen und es dann verbessern. Live Streaming ist ein Handwerk, da fällt auch kein Meister vom Himmel!

Mein zweites Beispiel konnte ich aus Kostengründen noch nicht voll in die Tat umsetzen. Dazu bräuchte ich noch mindestens 1.800 Euro an Equipment. Die Drohne oder besser den Multikopter mit ausgleichsgelagerter Kamera Gimbal + GoPro habe ich schon. Es fehlt aber noch die Funkübertragung in HD vom Fluggerät zum Boden. Einmal abgesehen von sehr vielen rechtlichen Rahmenbedingungen, die es dabei zu beachten gilt, würde mich eine Sendung über diese Live-Drohne sehr reizen.

Im Prinzip hat heute jeder mit seinem Smartphone ein komplettes Livesende-Equipment in der Tasche. Mit ein paar Tricks kann man direkt vom Smartphone einen Hangout on Air starten oder über Bambuser und Livestream.com senden. Beim letzt genanten Dienst gibt es sogar eine extra App für die Google Glass, um damit Live senden zu können.

Wolfgang: Was empfiehlst du Firmen, aber auch Organisationen und Vereinen, die sich mit Live-Streaming beschäftigen möchten?

Hannes: Das Wichtigste ist, es nicht gleich perfekt machen zu wollen. Live Streaming ist ein Handwerk und war noch nie so leicht zu bewerkstelligen wie heute. Also frischen Mut und einfach mal anfangen. Die ersten Sendungen nicht gleich an die ganz große Glocke hängen, sondern für ein paar wohl gesonnene Freunde erstellen, die sich auch trauen konstruktive aber wertvolle Kritik zu erstellen. Oder man stellt sich der geballten Expertise der kleinen aber feinen Community in Google Plus: Hangout on Air – Wir dürfen senden!

Dann sollte man kreativ sein! Denn mit diesem Format ist sehr viel möglich, was uns heute noch gar nicht bewusst oder noch nicht eingefallen ist. Seid natürlich und so wie immer, dann kommt ihr live am Besten rüber. Gestelzte und gekünstelte Formate gibt es schon genug und wenn ihr das doch machen wollt, am Besten als Satire, dann haben alle was zu lachen.

Nicht zuviel auf einmal wollen am Anfang. Besser ist es wenige Stellschrauben gut im Griff zu haben. Für Firmen empfehle ich das Logitech ConferenceCam System CC3000e. Da braucht man nur noch gutes Licht und einen passenden Hintergrund. Näheres dazu in meinem Blog: DIE Kamera für Hangout on Air – Logitech CC 3000e

Wolfgang: Im letzten Kapitel des Buches sprecht ihr auch Themen wie Social TV und Bildung via Hangouts an. Welche Trends sind hier zu erkennen?

Hannes: Social TV ist für uns die logische Konsequenz aus den rein technischen Möglichkeiten, die uns Hangout on Air und andere Live Streaming Formate heute schon bieten. Das reicht von Bildungsportalen wie ununi.TV, VHS und anderen MOOCS (Massive Open Online Courses) bis zum hyperlokalen Nachbarschafts TV. Gunnar möchte das demnächst mit seiner Bäckerei in Bonn-Duisdorf umsetzen. Es müssen nicht immer tausende oder Millionen Zuschauer sein. Da kommt man dann auch in die Gefahr, sich um eine Rundfunklizenz bemühen zu müssen. Es reicht, wenn man sein spezielles Thema mit den Insidern zu diesem Thema in einer Live-Sendung interaktiv diskutieren und erörtern kann.

Bildung ist das nächste Thema, da kannst Du als Mitgestalter von ununi.TV sicher mehr erzählen als ich. Auch die Volkshochschulen beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit den Möglichkeiten von Hangout on Air und MOOC’s. Leider wurde meine Hangout on Air Einführungssendung mit Joachim Sucker von der VHS Hamburg von einem übereifrigen VHS-Mitarbeiter gelöscht. Ich glaube gerade in der Bildung bieten diese neuen Möglichkeiten Live zu senden und sofort eine Dokumentation der Veranstaltung, Vorlesung oder Unterrichtsstunde zu haben, eine sehr einfache Form Lern- und Studienmaterial zu erstellen. Ein fiktives Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung dazu:

Ich habe immer gedacht, dass ich in Mathematik unbegabt sei. Bis ich an der Hotelfachschule in Heidelberg einen Mathelehrer hatte, der mir das mit einmal Erklären beibringen konnte. Plötzlich hatte ich in Mathematik nur noch die besten Noten. Im Nachgang wurde mir klar, hätte ich diesen Lehrer schon am Gymnasium gehabt, hätte ich wahrscheinlich Mathematik studiert. Mein Fazit aus dieser Geschichte: Warum sollte sich nicht jeder Schüler aus einer Vielzahl Lehrern genau den aussuchen können, der für ihn den Lernstoff am besten und verständlichsten erklären kann. Genau das könnte mit den in unserem Buch beschriebenen Technologien heute schon möglich gemacht werden.

Gerade im Bereich Bildung sind Initiativen wie ununi.TV ein sehr wichtiger Beitrag zur Demokratisierung der Bildung.

Wolfgang: Sehe ich genau so! Noch eine letzte Frage: Demnächst findet ja das Streamcamp 2014 in München statt. Worum geht’s da?

Hannes: Genau wie das Buch, ist das Streamcamp als Ausdruck unserer Begeisterung für Live Streaming entstanden. Wir haben dieses Barcamp rund um Live Streaming schon letztes Jahr in Köln im Startplatz erfolgreich veranstaltet. Gunnar Sohn wohnt ja in Bonn. In diesem Jahr trage ich die Hauptlast der Organisation und wir haben München als Veranstaltungsort gewählt. Die Firma Payback, stellt uns ihre wunderschönen Räumlichkeiten direkt am Oktobertestgelände für das Wochenende zur Verfügung. Damit ist auch eine Anreise aus dem Süden Deutschlands und aus Österreich und der Schweiz leichter möglich.

Genau wie in Köln haben wir in München sehr viele Film- und Medien-Schaffende. Bei einem Barcamp oder einer Unkonferenz kann man im Vorfeld noch kein Programm vorstellen, weil das ja erst vorher mit den Teilgebern erarbeitet wird. Wir werden aber wieder, wie in Köln, sehr viele und spannende Sessions rund um das Thema Live Streaming haben. Am Samstag Mittag haben wir zudem eine Liveschaltung zum Besser-Online Kongress des DJV (Deutscher Journalisten Verband) in Berlin geplant. Dort referiert der One-Shot-Video Journalist Kai Rüsberg zum gleichen Thema.

Auch die Liste unserer Sponsoren und Medienpartner lässt sich sehen. Zum ersten Mal unterstützt uns das Fraunhofer Institut IAO als Wissenschaftspartner. Frau Dr. Hofmann forscht zum Thema Arbeitsgestaltung und Wissensarbeit und der Nutzung von Video-Konferenzsystemen.

Auch der Hanser-Verlag wird am Samstag mit einem Büchertisch auf dem Streamcamp sein. Mein Tipp für den Ticketkauf! Das VIP-Ticket inklusive Buch ist das Günstigste, wenn man das Buch noch nicht hat und bis zum 18.10.2014 warten kann. Wir freuen uns auf ganz viele Streaming Interessierte aus Österreich, der Schweiz und Deutschland.

Wolfgang: Vielen Dank für das Gespräch. Wir sehen uns demnächst sicher mal online im Hangout oder beim Streamcamp 🙂



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