Wenn die Crowd einem den Rücken stärkt – Lost Place Storys aus Leipzig

Enno Seifried hat mit seiner Crew mittlerweile drei Filme über Geschichten hinter vergessenen Mauern in Leipzig gedreht, alle drei Teile wurden mit Hilfe der Crowd realisiert, u.a. durch Crowdfunding. Darin bestaunen sie vergessene Orte und architektonisch beeindruckende Bauwerke, die seit 20 Jahren und mehr leer stehen und auf Abriss oder Neunutzung warten. Viel mehr interessieren sich die Filmemacher aber für die Geschichten, die hinter diesen Mauern und Gebäuden passiert sind und so werden ihre eigenen Eindrücke durch Gespräche mit Zeitzeugen, Investoren, Visionären und Politikern ergänzt und es entsteht eine beeindruckende Dokumentarfilmreihe. Allround-Filmemacher Enno hat mir im Gespräch über die Anfänge von „Lost Place Storys aus Leipzig erzählt und davon, wie ein Projekt mit Hilfe der Crowd zum Selbstläufer werden kann:

geschichten hinter vergessenen mauern

Wolfgang: Du hast 2012 auf der Crowdfunding-Plattform VisionBakery ein Dokumentarfilm-Projekt mit dem Namen „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ gestartet. Worum ging es da?

Enno: In und um Leipzig kann man sehr viel beeindruckende Bauwerke entdecken, die seit 20 Jahren und mehr leer stehen und auf Abriss oder Neunutzung warten. Wir hatten mit einem kleinen Team Anfang 2011 begonnen, einen Dokumetarfilm über die ehemalige Industriebrachen, Hotels und andere leerstehende Gebäude in Leipzig zu drehen. Mit diesem Filmprojekt wollten wir den alten Gemäuern wieder Leben einhauchen, auf sie aufmerksam machen und die Geschichten einfangen, die sich einst an diesen Orten abgespielt haben. Dazu haben wir uns in den sogenannten Lost Places umgeschaut, Bildmaterial gesammelt, recherchiert und Zeitzeugen und andere Interviewpartner gesucht.

Neben einer Erzählerin sollten Gespräche mit Zeitzeugen, Investoren, Visionären und Politikern den Dokumentarfilm ergänzen. Weiterhin haben wir mit Menschen gesprochen. Menschen, die in den leerstehenden Brachen als Künstler, Fotografen, Videofilmer, Musiker, Geocacher oder Urban Explorer unterwegs – auf der Suche nach kleinen Abenteuern im sonst erschlossenem Stadtraum – sind.

Anfang 2012 war der Film in der Postproduktion und alle Filmteammitglieder arbeiteten an dem Projekt ausschließlich in ihrer Freizeit. Wir arbeiteten ohne Förderung, Sponsoren und anfallende finanzielle Hürden für die Produktion, Technik etc. wurden von uns privat bewältigt. Im März hatten wir uns vorgenommen die Premiere des Films zu feiern und eine DVD-Auflage zu pressen. Inwieweit das Thema jedoch jemanden interessierte, konnten wir damals schlecht abschätzen. Alles finanziell verfügbare war aufgebraucht und wir suchten eine Möglichkeit, die Premiere in unserer Wunschlocation, im ehemaligen Sowjetischen Pavillon und die Veröffentlichung der DVD zu finanzieren. Hier wählten wir Crowdfunding als mögliche Lösung und stellten unser Projekt auf der Crowdfunding-Plattform VisionBakery ein. Was dann passierte übertraf zum damaligen Zeitpunkt weit unsere Erwartungen und wir waren unserem Ziel ein ganzes Stück näher.

Wolfgang: Dann erzähl doch gleich, was dann passierte…

Enno: Nun ja, wir hatten etwa 40 Tage für die Crowdfunding-Aktion eingerechnet. In dieser Zeit hofften wir, die gewünschte Summe von 5.500 Euro zu sammeln. Bereits nach fünf Tagen hatten wir die gewünschte Summe beisammen und nach Ablauf der gesammten Zeit waren es 12.000 Euro. Wir waren bei einem Crowdfunding-Erfolg von 217 Prozent angelangt. Damit hatten wir einfach nicht gerechnet. Natürlich waren wir überglücklich, dass unser Projekt so viele Unterstützer fand, die sich für unseren Film interessierten. Wenn man bedenkt, dass dies unser erstes Filmprojekt war, man uns als Team eigentlich nicht kannte und Crowdfunding bis zu dem Zeitpunkt für uns noch ein Fremdwort war, war es für uns schon sehr beachtlich, dass wir dennoch über 350 Unterstützer fanden, die offensichtlich ernsthaft gespannt auf das Ergebnis unseres Filmprojektes waren. Es war ein geiles Gefühl, dass ein Jahr Arbeit nicht umsonst war und der Traum eine große Filmpremiere zu feiern nun tatsächlich in die Tat umgesetzt werden konnte.

Wolfgang: Ihr hattet also zu diesem Zeitpunkt noch keine Community. Wie habt ihr euch diese aufgebaut?

Enno: Wir waren schon vor dem Filmprojekt fest in der Leipziger Lost Place-Geocacher und Urban Explorer-Szene verankert. Innerhalb dieser Szene versprachen wir uns einen ersten Teil der Crowd zu finden. Natürlich war uns klar, dass die Leipziger Szene der Lost Place-Liebhaber dazu sicher nicht ausreichen würde und wir begriffen die Verbreitung unserer Idee als Fulltime-Job, noch bevor unser Crowdfunding-Projekt online stand. Wir sind tagelang im Netz unterwegs gewesen und haben wirklich jede kleinste, nur auffindbare Seite, die sich irgendwie mit den Themen unseres Dokumentarfilms beschäftigt, angeschrieben und unser Projekt vorgestellt. Der Erfolg waren nicht nur eine weitere Zahl an Unterstützern, sondern auch die Verbreitung über fremde Blogs und Webseiten. In Foren der Lost Place-Liebhaber wurde unsere Idee diskutiert und besprochen. Darüber hinaus haben wir natürlich sämtliche Tageszeitungen und Magazine versucht auf uns aufmerksam zu machen. Erst interessierte das wenig, doch nach dem unerwarteten Erfolg wollten auch diese gern berichten und erste Interviewanfragen von TV kamen hinzu.

Wir haben im Laufe der Projektlaufzeit natürlich auch immer versucht in engem Kontakt mit unseren Unterstützern zu bleiben. Haben Blogs geschrieben und Dankes-Videos gedreht. Ich denke der intensive Umgang mit unserer Crowd hat unser Projekt auch nachhaltig beeinflusst, da man gemeinsam etwas erreicht hat. Aber wie gesagt, so ein Projekt zu betreuen bedeutete für uns wenig Schlaf und viel Liebe zum Detail. Mal eben ein Projekt online stellen und hoffen es wird finanziert, ist (wenn man nicht gerade Stromberg heißt) schwierig. Denn wenn keiner deinen Namen kennt, geschweige denn dein Projekt, wer soll es dann unterstützen? Was ich jetzt ganz vergessen habe, sind natürlich die Sozialen Netztwerke. Aber auch die sind unverzichtbar und ich habe die Frage sicher ohnehin wieder zu ausufernd beantwortet 🙂

Wolfgang: Nach dem ersten Projekt habt ihr nicht aufgehört, sondern ein zweites Mal Crowdfunding gemacht. Warum?

Enno: Eigentlich waren wir fest davon überzeugt, dass wir nach dem Film keinen weiteren zu dem Thema in Leipzig drehen wollten. Wir wollten nicht zu den üblichen Verdächtigen gehören, die nach einem Erfolg eine Fortsetzung nach der anderen auf den Markt hauen. Nun ja, jetzt gehören wir doch dazu 🙂 Die Frage nach einem weiteren Teil seitens unserer Unterstützer und der Filmbesucher im Kino wurde immer lauter. Wir bewegten uns ohnhin weiter in den leerstehenden Gebäuden und waren selber auch gespannt auf weitere Geschichten von Zeitzeugen und Visionären. Es dauerte nicht lange und wir hatten uns gegenseitig doch überredet an einem weiteren Teil zu arbeiten. Im Zuge dessen dachten wir plötzlich sogar an eine Trilogie, weil das so schön klingt. So zogen wir wieder mit der Kamera los, recherchierten, suchten Interviewpartner, bastelten an den Animationen und komponierten neue Filmmusik zu den Szenen. Unsere Angst, dass die Leute enttäuscht sein könnten, weil wir uns nun doch zu der üblichen Reihe der Mehrteiler hinzugesellten und wir zu kämpfen hätten, die nötige Crowdfundingsumme zu erreichen, stellte sich schnell als unbegründet heraus. Wir waren von der Resonaz wieder völlig geplättet und wie auch beim ersten Mal sehr dankbar und glücklich.

Wolfgang: Du hast vorhin die Sozialen Netzwerke, z.B. Facebook, angesprochen. Was war das eure Strategie?

Enno: Nun ja, eine wirkliche Strategie gibt es da vielleicht gar nicht. Eigentlich nur das Übliche. Wir haben in den verschiedenen Foren Seiten aufgebaut, die sich mit dem Film beschäftigen. Die Film- & Crowdfundingtrailer haben wir dann an jeder erdenklichen Stelle gepostet, die Leute zu Veranstaltungen eingeladen etc. Ich hatte mir sogar die Mühe gemacht, wirklichen jeden aus der ‚Freundesliste“ persönlich anzuschreiben. Das fand ich irgendwie umgänglicher, bei einer Aktion, wo man sich finanzielle Unterstützung erbittet, als es nur auf Pinnwänden zu verteilen. Es kann ja auch schnell nervig werden, wenn dir die ganze Pinnwand zugehackt wird.

tweet thisAm Ende sind die sozialen Netztwerke ein Selbstläufer, wenn man erstmal eine gewisse Crowd im Rücken hat. Es verbreitet sich dann von allein. Natürlich waren wir auch bemüht, unsere Crowd auf dem Laufenden zu halten und haben bestimmt einmal pro Woche etwas gepostet, was den neusten Stand der Dinge beschrieb.

Wolfgang: Das ist interessant. Ab welchem Zeitpunkt, glaubst du, wird ein Projekt/eine Idee zum Selbstläufer?

Enno: Ich glaube, wenn man die Ersten erreicht hat, die ein Projekt wirklich gut finden und es unterstützt haben, hat es die Chance ein Selbstläufer zu werden. Wenn Horst und Paul und Katrin das Projekt ebenfalls posten, weil sie begeistert sind, sehen es Leute, die nicht aus den eigene Reihen kommen. Deren Freunde erreichen wieder andere usw. Irgendwann wird daraus: „Sag mal, hast du schon von dem Projekt gehört? Soll ganz klasse sein. Los wir schauen mal rein, müsste auf Pauls Seite zu finden sein.“

Ich rede hier aber wirklich nur von den Sozialen Netzwerken, in denen etwas zum Selbstläufer werden kann. Ausreichen wird das allerdings sicher nicht. Sich nur auf die Sozialen Netztwerke zu verlassen, ist denke ich zu wenig. Wie gesagt, wir hatten wirklich hunderte Webseiten angeschrieben, die sich irgendwie mit dem Thema beschäftigen und das hat, denke ich, einen Großteil zum Finanzierungserfolg beigetragen, da dadurch neue Blogbeiträge mit dem Projekt entstehen und diese wiederum in den Sozialen Netzwerken geteilt werden können.

Wolfgang: Was habt ihr als nächstes geplant? Welche Projekte kann man demnächst sehen oder unterstützen?

Enno: Das Team hat auf jeden Fall neue Ziele und wird weiter an gemeinsamen Projekten arbeiten. Allerdings bin ich kein Freund davon, schon bevor ein Projekt wirklich sicher ist, darüber zu erzählen. Das habe ich auch bei der Filmtrilogie so gehalten. Ich hatte mir ein Datum raus gesucht, ab wann ich mit dem Projekt in die Öffentlichkeit will. Und der Punkt war, als das Projekt sicher war und wir etwas vorzuzeigen hatten. Auch das denke ich, ist für einen Crowdfundingerfolg nicht unwichtig. Wenn man sagt, ich möchte da was machen und um es zu verwirklichen brauche ich Unterstützung, aber habe noch nichts vorzuweisen, wird es wohl schwierig. Wir hatten den Film schon fertig, als wir mit unserem Projekt in die Öffentlichkeit gegangen sind. Die Leute wussten also ziemlich genau, was sie da unterstützen und das schon eine Menge Arbeit in das Projekt geflossen ist. Die Gegenleistung musste also nicht ein Jahr oder länger auf sich warten lassen, sondern konnte sicher in den nächsten drei Monaten eingelöst werden. Das Ziel war also für die Unterstützer in greifbarer Nähe, was sicher auch ein wenig mehr Motivation ist, ein Projekt zu unterstützen, als wenn ich noch gar nicht so recht weiß, worauf es hinausläuft.

Wolfgang: Ich bin mir sicher, wir erfahren rechtzeitig, wenn ihr ein neues Projekt am Start habt. Vielen Dank für das Interview!



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